"Schieben und ziehen" -------------------------------------------------------------------------------- Das Berufsvorbereitungsjahr soll Schüler ohne Abschluss vor dem Aus bewahren - die Bilanz ist ernüchternd von Judith Luig Politikunterricht im Bildungszentrum Stephansstift in Hannover. "Was sind die Grundrechte des Menschen?" Marcel Elbert* zögert nicht lange. "Freies Wohnungsmietrecht ab
18." Henning Schierholz wundert sich nicht über diese Antwort. Der Pädagoge weiß, wie es bei seinem Schüler zu Hause aussieht. Er weiß, warum Marcel manchmal mit riesigen Pupillen und breitem Lächeln in der Schule erscheint.
Und er weiß, was seine Probleme aus Marcel gemacht haben: einen kiffenden Träumer ohne Hauptschulabschluss, ohne Lehrstelle, ohne Geld, ohne Zukunft. Damit das anders wird, besucht Marcel das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ), wo er
versäumtes Schulwissen nachholen und erste Berufserfahrung sammeln soll. Allerdings nicht freiwillig. Denn wer unter 18 ist, keinen Hauptschulabschluss und keine Lehrstelle hat, bleibt weiter schulpflichtig. Rund 80 000 Jugendliche
pro Jahr schaffen den Hauptschulabschluss nicht. Für sie bleibt entweder eine der bezahlten Fördermaßnahmen des Arbeitsamtes oder - für die Schwächsten unter den Schwachen - das BVJ. Je nach Land ist das Jahr unterschiedlich
ausgerichtet. Es gibt das BVJ in Voll- und in Teilzeit; die Grundfächer sind Deutsch, Englisch und Mathematik, dazu kommen meist Sport, Religion, Politik und theoretische Grundlagen für spezielle Berufsrichtungen von Holztechnik
bis Wirtschaft. Wer hier anfängt, bringt meist einiges mit: Schulmüdigkeit, Verhaltensauffälligkeit, Drogenkonsum, Kriminalität. So wie Daniel Sauter. Die strähnigen Haare hat er am Hinterkopf ein wenig schwarz gefärbt, der
sperrige Rucksack mit der Gitarre ist sein ständiger Begleiter. Daniels Geschichte fängt bei einer Heimkarriere an, wird ungenau, als er in die Drogenszene abtaucht, und konkretisiert sich erst wieder mit dem Eintritt in die
BVJ-Klasse des Stephansstifts. Doch als Daniel seine Geschichte aufschreibt, reichen ihm wenige Sätze. "Ich habe kein Geld, weil ich keine Arbeit habe. Ich möchte gerne alles haben, aber ich habe nichts. Am schlimmsten ist der
Hunger", steht in krakeligen Buchstaben in seinem Heft. In diesen Wochen entscheidet sich der Erfolg der BVJler des Jahrgangs 2001/02. Jetzt werden die Verträge für Lehrstellen unterschrieben. Das wissen auch die Schüler im
Hauswirtschaftsunterricht des Stephansstifts, aber wie es weitergehen soll, wissen die meisten nicht. Jacqueline, 16 Jahre und Mutter von Zwillingen, hantiert mit dem Schmelzkäse für Toast Hawaii. Was wird sie im Herbst machen?
"Hm." An der Anrichte steht Karla und blickt etwas ratlos auf die Ananasdosen, die vor ihr stehen. Wegen ihrer vielen Fehlzeiten wird die 15-Jährige noch ein Jahr Berufsvorbereitung dranhängen. "Karla ist keine
Schwänzerin", sagt die Sozialarbeiterin Gabriele Merkel. "Sie muss nur häufig auf ihre kleinen Geschwister aufpassen." Das BVJ soll die Jugendlichen "ausbildungsfähig" machen, so formulieren es die
Lehrer. Es soll "die allgemeine Fähigkeit zur Lebensbewältigung steigern", so will es das Bildungsministerium. Die Realität sieht anders aus. Nur 37 100 von bundesweit 63 000 Schülern bestanden nach Berechnung des
Bundesinstituts für Berufsbildung in Bonn 1999/2000 den internen Abschluss. Kaum ein Drittel schaffte es, den Hauptschulabschluss nachzuholen. Viele stehen nicht einmal das Jahr durch. "Ich halte das schulische BVJ für ein
Auslaufmodell. Bei einem größeren Teil der Schüler reicht ein Jahr hinten und vorne nicht", sagt Henning Schierholz, Leiter des Berufsbildungszentrums Stephansstift. Ernüchternd ist auch die Bilanz, die Jörg Bickmann vom
Institut für Berufspädagogik der Universität Hannover und Ruth Enggruber, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Fachhochschule Düsseldorf, 2000 in einer Studie über Karriereverläufe von Jugendlichen ziehen: "Das
Berufsvorbereitungsjahr wird mehr und mehr zu einer Auffang- beziehungsweise Verwahrungsstation für die Verlierer im Wettbewerb um Ausbildungsplätze", heißt es dort. Eine Auffangstation, bei der die Ausbildungsziele manchmal
aus dem Blick geraten. Pünktlichkeit und Ordnung seien oft das Einzige, was die Pädagogen noch zu erreichen suchten, kritisiert Horst Biermann, Professor für Rehabilitationswissenschaften an der Universität Dortmund. Die Schüler
müssten stärker gefordert werden. Das aber sei in Sonderformen wie dem BVJ mit seiner Konzentration auf benachteiligte Jugendliche nicht möglich. "Da pflegen wir nur Probleme, aber wir lösen sie nicht." Eine
Infantilisierung der Jugendlichen finde statt. "Eine Reform-Ruine", so Biermanns Fazit. Tatsächlich schafft das BVJ "Maßnahmenkarrieren". Wie bei Frieder Rink, der wie viele andere immer mal wieder seine alte
Schule besucht. Hoffnungsvoll erzählt er der Schulsekretärin des Stephansstifts die Neuigkeiten: "Ich werde jetzt umgeschult." Frieder besuchte zwei Jahre das BVJ, wurde dann für drei Jahre in die interne Ausbildung
übernommen. Im Anschluss war er ein halbes Jahr arbeitslos, bekam eine ABM-Stelle als Hilfsgärtner, war wieder arbeitslos. Besonders gern erwähnt Frieder seinen letzten Job: Einlasser bei der Expo. Die Mitarbeiter des Stifts
versuchen, aus der schwierigen Situation das Beste zu machen. Vielen Jugendlichen können sie eine Ausbildungsstelle besorgen, da sie eng mit dem Arbeitsamt und mit Betrieben aus der Umgebung zusammenarbeiten. Außerdem bietet das
Stift selbst 90 eigene Ausbildungsplätze. Trotzdem kämpfen Lehrer und Sozialarbeiter auch hier mit den typischen Problemen. Eine der großen Hürden für die Pädagogen: Die Schüler haben ein falsches Bild von sich selbst. "Viele
merken gar nicht, wenn sie den Rest der Klasse stören. Die denken, sie seien die reinsten Engel", sagt der Sozialarbeiter Dieter Göhr. Oft kann Jugendlichen auch nur mühsam vermittelt werden, warum sie regelmäßig und pünktlich
am Arbeitsplatz erscheinen müssen oder warum ein Beruf wichtig für ihr Leben ist. Andere überschätzen ihre Fähigkeiten und verlieren sich in Träumen. "Wenn alles nicht klappt, dann wandere ich nach Amerika aus. Da muss ich
keine Steuern zahlen und kann in jedem Job arbeiten", sagt Hakan Aydin. Die 16-jährige Zita träumte davon, Kosmetikerin zu werden, aber die Fachschule hat sie ohne Hauptschulabschluss nicht genommen. Sorgfältig gezupfte Brauen
und liebevoll gepflegte Fingernägel sind alles, was von ihrem Berufswunsch geblieben ist. Zita hat sich nur mühsam an den Gedanken gewöhnt, "ein benachteiligter Jugendlicher mit Förderbedarf" zu sein. Die Sozialarbeiter
redeten ihr zu, sich ein realistisches Ziel zu suchen. Jetzt will sie Verkäuferin werden. Den Praktikumsplatz bei Spar hat sie schon. Der Schulbuchautor Jürgen Genuneit bietet seit 15 Jahren Fortbildungen für Berufsschullehrer
an, damit sie mit den besonderen Umständen im BVJ umgehen lernen. Für ihn sind es nicht nur die Jugendlichen, die bei diesem "Stiefkind der Bildungslandschaft" einiges dazulernen müssen. "Die meisten Lehrer
definieren die Schüler nur über ihre Defizite", sagt er. Die Schüler brauchten das Gegenteil: Erfolgserlebnisse, um ihr Selbstbewusstsein nach der Kette von durchlebten Misserfolgen wieder zu stärken. Von außen wird eine
solche Ermutigung kaum kommen: Die Jugendlichen im BVJ werden stigmatisiert, das fühlen sie auch selbst. "Viele Leute sagen, dass wir dumm sind", ärgern sich Verena und Astrid aus der Matthias-Erzberger-Schule in
Biberach. Aber dieses Urteil wollen die Mädchen nicht auf sich sitzen lassen. Zusammen mit ihrer Lehrerin Claudia Ersing-Högerle dreht die Klasse jetzt einen Film über ihren Schulalltag. Das Filmprojekt hat einen Preis gewonnen und
wird nun von der Landesstiftung Baden-Württemberg gefördert. Die Schüler ernst nehmen - das ist auch das Prinzip in der Berufsvorbereitung der Hamburger Handelsschule Kellinghusenstraße. Hier wird nicht Kaufmannsladen oder
Küchenchef gespielt. Stattdessen gibt es drei Projekte mit richtigem Kundenverkehr: ein Landschulheim, einen Stoff- und Dekoladen und eine Cafeteria. Gestärkt werden die Lehrer durch einzelne Erfolge. "Immer wieder treffe ich
ehemalige Schüler in der Stadt und staune nicht schlecht", erzählt Carina Pöhlsen, Sozialpädagogin im BVJ. "Viele, die man fast aufgegeben hat, bekommen auf einmal Lehrstellen bei großen Kaufhäusern." Die
Rahmenbedingungen mögen schwierig sein, doch solange es keine besseren Alternativen gibt, können die Pädagogen nur weitermachen - so wie Carina Pöhlsen: "Man muss immer ein bisschen schieben und ziehen und darf vor allem nicht
aufgeben."
* Namen der Schüler geändert
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