lesezeiten und reisezeiten

Die Schülerinnen und Schüler  fragten Prominente und weniger Prominente zu ihrem persönlichen Blick auf Zeitereignisse der vergangenen 50 Jahre (Ausgangpunkt war der 50. Geburtstag der Bundesrepublik. Gelesen wurden entsprechende Ganzschriften z.B. von Christa Wolf ”Der geteilte Himmel” zum Bau der Mauer am 13. August 1963.) Frau Simones übersandte 1999 einer Schülerin auf Anfrage folgenden Text:



Heide Simonis Ministerpräsidentin des Landes Schleswig - Holstein



            Heide Simonis

            Ministerpräsidentin des Landes

            Schleswig - Holstein


            1977. Das Jahr des Terrorismus von Heide Simonis

            In Deutschland herrschte in diesem Jahr ein allgemeines Klima der
            Hysterie und Angst. Überall wurden Terror, Gewalt und Umsturz
            vermutet. Jeder, der es wagte, gegen Eingriffe in die
            Strafprozeßordnung und neue umstrittenen Gesetze, gegen
            Rasterfahndungen, Gesinnungsschnüffelei, Razzien und endlose
            Polizeikontrollen mit vorgehaltener Maschinenpistole zu protestieren
            oder auch nur Zweifel zu formulieren, wurde zum "Sympathisanten" der
            RAF gestempelt.
            Doch der Kreis der Unterstützer war weit kleiner, als die
            Medienberichte glauben machten, und "klammheimliche Freude" an
            Verbrechen, wie im sogenannten Mescalero-Brief geschrieben,
            empfanden nur wenige. Aber daß große Teile der Studenten und einige
            namhafte Intellektuelle damals auf Distanz zum Staat gingen, hing
            eng mit den beschriebenen Maßnahmen zusammen. Allerdings ging das,
            was aus Frankreich oder aus den Niederlanden als undemokratisch
            kritisiert wurde, vielen Bundesbürgern noch nicht weit genug.

            In den Reaktionen auf den Prozeß gegen Gudrun Ensslin, Andreas
            Baader und Jan-Carl Raspe eskalierten dann die so lange aufgestauten
            Ängste und der Wunsch nach Vergeltung. Nach dem Selbstmord der drei
            Angeklagten wollten ihre Familien sie gemeinsam auf dem Stuttgarter
            Waldfriedhof beisetzen lassen. Das entfachte wiederum eine heftige
            Diskussion. Drei verurteilte Mörder und Terroristen sollten in der
            Nähe von Theodor Heuss ihre letzte Ruhe finden. Unvorstellbar! Eine
            Flut von Leserbriefen verlangte, weniger auf Paragraphen und mehr
            auf die Stimmung "im Volke" zu hören. Andere forderten, die Toten
            einfach ins Klärwerk zu schmeißen.

            In dieser aufgeheizten Situation hat mich die Reaktion des damaligen
            Stuttgarter Oberbürgermeisters Manfred Rommel tief beeindruckt.
            Gegen alle Widerstände genehmigte er das Begräbnis mit folgender
            Begründung: "Ich weigere mich zu sagen, daß es Friedhöfe erster und
            zweiter Klasse gibt. Nach dem Tod hat alle Feindschaft aufzuhören."
            Mit dieser Geste setzte er ein Zeichen für Vernunft und
            Menschlichkeit. Im Jahre 1977 war das eine mutige Tat und eine große
            Ausnahme.

            Heide Simonis