lesezeiten und reisezeiten

Niemann-Brief

NORBERT NIEMANN

            (Norbert Niemann war 1997 Ingeborg-Bachmann-Preisträger (1. Preis)
            in Klagenfurt mit seinem 1998 bei Hanser erschienenen Medienroman
            "Wie man's nimmt" . Er schickte diesen Tagebuchauszug am 10.3.99 an
            Tatjana Petersen, die über das Buch ein Referat verfaßt hatte.
            Dieser Beitrag ist - wie die anderen Beiträge - ein Originalbeitrag,
            der bisher nirgendwo veröffentlicht ist. Wir danken Norbert Niemann
            sehr für diese Unterstützung. Die Rechte an den Texten bleiben
            selbstverständlich bei Norbert Niemann, der das Tagebuch bald
            veröffentlichen wird.



            AUS DEM TAGEBUCH
            September 1997

            Nichts scheint geschehen zu sein, der alte Nullpunkt
            wiederhergestellt, und mit ihm ist die Absurdität als Fragestellung
            zurückgekehrt. Das ist die Lage nach acht Jahren Neoliberalismus.
            Nur daß inzwischen selbst noch jede Haltung mangelt.  Sogar der
            Negation entbehrt die neue Ohnmacht als Fluchtraum.  Die Strategien
            der Affirmativen mit ihren postmodernen Wurzeln - die Formen der
            vergangenen fünfzehn Jahre - sind als unmittelbare Vergangenheit der
            Boden, aus dem diese neue, zugespitzte Absurdität erwachsen ist.
            Die gesellschaftlichen Vorgänge, die für diesen neuen Ton
            verantwortlich zu machen sind, sind natürlich bekannt/unbekannt
            unter den Stichworten "Globalisierung" und "Medialisierung". Auf der
            Seite der Literatur - insofern sie immer auch die Seite der
            Einzelnen, der Menschen ist - entsprechen ihnen die paradigmatischen
            Themenbereiche "fundamentale Perspektivlosigkeit" und "Leben aus
            zweiter Hand".  Auf der Ebene der Ästhetik finden wir diese Themen
            transformiert in jene typischen, in sich kreisenden,
            selbstreferentiellen Monologe und oder in der Arbeit aus den Kanälen
            medialer Sozialisation gespeicherten Pop-Sprachen - einem sich
            Abmühen, sich Reiben, das anders als in den letzten zehn bis
            fünfzehn Jahren nicht mehr begeistert mit dem Pop auf den
            Wellenkämmnen der Codefluten surft, sondern tendenziell auch deren
            Ein- und Zusammenbrüche aufzeigt und mitgestaltet.

            Oktober 1997

            Medienwirklichkeit und gesellschaftliche Realität der
            Globalisierung: das straffe ökonomische Gängelband einer restlos
            schizophrenen  Anordnung. Der politische "Sinn" dieser
            Schizophrenie: die Zementierung der Ohnmnacht als Inszenierung einer
            Doppelwirklichkeit.  Das heißt: auf der Bilder-Seite wird
            Gleichheit/Freiheit inszeniert (Gleichheit im Sinne einer
            Gesellschaft, die dieselben Existenzproblematiken eint). Während auf
            der Erfahrungsseite die Ohnmacht wächst im Sinne einer Ungleichheit,
            diese Probleme individuell lösen zu können:  Probleme des Handelns,
            der gesellschaftlichen Integration, der Lust etc. etc. -  Und so
            erweist sich die Problematik der Identität im Medialismus als
            Kehrseite der, beziehungsweise Voraussetzung für die
            Verteilungsungerechtigkeit im Neoliberalismus.
            Die Medien als Mythenbildner und -verwalter erfüllen somit die
            Bedingungen
            einer trivialen Religion.  Der Trivialmythos ersetzt die Metaphysik,
            er behauptet ein schizophrenes, profanes Heiliges.  Dessen Credo:
            an das Nicht-Authentische als Authentisches zu glauben, das heißt,
            ein Bewußtsein von dieser  Spaltung beziehungsweise Dissoziierung
            der Identität zu verhindern. Demgegenüber stehen
            die Ohnmächtigen als diejenigen, die ihr Authentisches als
            Nicht-Authentisches
            erleiden. Nur gegen das Heilige kann man nicht aufbegehren. Nur der
            Mythos
            kann die Ohnmacht verewigen.  Im Gottesdienst vor den medialen
            Programmen erreicht den Einzelnen die Absolution und gnädige
            Tröstung der Macht. Wir klinken uns ein in die Gemeinde.  Die
            völlige Säkularisierung der Gesellschaft, die vielbeschworene,
            sogenannte "dumpfe aufgeklärte Masse" - sieht man von heute aus -
            war nur die Vorstufe zu, beziehungsweise Täuschung gegenüber einer
            neu zu gründenden Kirche.  Aufklärung als Schein.  Medien und
            Ökonomie nehmen den Platz von Kirche und Staat ein.  Diese neue
            Kirche aber ersetzt die Solidarität der Menschen (die grundsätzlich
            aus dem Geist der Auflehnung stammt: als Verteidigung eines
            metaphysisch begründeten existentiellen Rechts) durch die Gemeinde
            der Gläubigen, welche solange an ihrem Status festhalten, das heißt,
            solange nicht zurückfallen wird in die Solidarität, solange das
            Versprechen der Tröstung gewährleistet bleibt.  Insofern ist das
            Mittelalter längst schon da, das andere herbeisehnen.  Literatur als
            Kunstform aber, die ihrer medialen Aufgabe der ästhetischen
            Vermittlung von Status und Mangel einer Gesellschaft verpflichtet
            bleibt, ist bezüglich der Medienkirche heute a priori Ketzertum.

            Die Fragmentierung der Identität einerseits und die Exklusion aus
            den gesellschaftlichen Prozessen andererseits raubt dem Individuum
            die Biographie.  Das nicht und niemals statthabende Ende der
            Geschichte meint nur ein kollektives Empfinden der Einzelnen, in
            einem geschichtslos fortwaberndem Kontinuum existieren zu müssen,
            das in Wirklichkeit nur deren eigene Geschichtslosigkeit meint.

            Das Feuilleton. die Verlage, der Buchhandel.  Selbst sie sind
            gezwungen. ausschließlich in den Kategorien der Wirtschaft zu
            denken.  Sie reden zwar von ihrem Erschrecken, aber auch sie sind
            nur zu bloßen Reaktionen fähig, in denen sich ihre Handlungen
            restlos erschöpfen.  "Die Schrecknisse der Ökonomie" überall
            dieselbe Ohnmacht.
            Dabei müßte - theoretisch! - gerade dieses Gewerbe - ökonomisch
            langfristig gedacht! - auf eine Verteidigung der Ernsthaftigkeit,
            des ernstzunehmenden Charakters ihrer Ware bedacht sein.  Natürlich
            ist auch ein Buchmarkt denkbar, dessen Produktion über die Rechner
            läuft oder wenigstens mit ihnen kompatibel ist.  So wie Semmeln
            längst auf Knopfdruck ausgeworfen werden, wozu dann auch
            die entsprechenden Bäckereiketten gehören.  Aber was hat das mit
            Literatur zu tun?
            Das literarische Gewerbe (so es sich noch als solches versteht) muß
            jedenfalls
            aufpassen,  daß es sich nicht selbst abschafft, ihr Gelände nicht
            den MÜLLER
            BROT-Konzernen der Buchproduktion und ihren Managerstäben überläßt.
            Denn
            bald sitzen überall nur noch MÜLLER BROT-Verkäufer  und verkaufen
            natürlich nur noch MÜLLER BROT, das von MÜLLER BROT-Werbefritzen auf
            den MÜLLER BROT-Seiten der MÜLLER BROT-Zeitungen angepriesen wird.
            Mit anderen Worten - eine solidarische Gegenwehr der ganzen Branche
            wäre gefragt.  Andernfalls wird sie einfach nach und nach
            aufgekauft.  In Zeiten des Neoliberalismus natürlich eine
            Unmöglichkeit!  Statt dessen versucht man allenthalben, MÜLLER BROT
            zu kopieren.  Eine Art von Konkurrenz, die darauf hinausläuft, daß
            alles nach MÜLLER BROT schmeckt.  Aber wo ist dann noch der
            Unterschied zum totalen Einheitskonzem?  Die Sorte Semmeln, die
            dabei herauskommt führt jedenfalls - so vielfältig das Angebot
            optisch auch aussehen mag - auf Dauer nicht nur zu Verstopfung,
            sondern wird mit der Zeit vollends unverdaulich werden - das
            prophezeie ich mal.

            Warum gerade die Rede vom Traum so gut zur Rede über die medial
            vermittelte Wirklichkeit paßt:
            Zum einen tauchen wir ähnlich in diese wie in den Traum als
            "Realität" ein, was ihren Informationsgehalt angeht (während
            Spielfilme,  Serien und dergleichen, also fiction, dem Bewußtsein
            entsprechen, im Traum zu träumen).  Zum anderen ist es vor den
            Bildschirmen wie im Zustand des Träumens unmöglich, über die
            Koordinaten dieser Realität hinaus Gewißheit zu erlangen.  Das
            heißt, so wie während eines Traums zum Beispiel die Fähigkeit zu
            fliegen gegeben und nicht im geringsten anzuzweifeln ist, so sind
            auch die TV-Fakten etwa einer Mondlandung nicht anzuzweifeln.  Das
            Erwachen aus dem Traum allerdings ermöglicht uns dann die empirische
            Überprüfung der geträumten Tatsachen, während das Erwachen aus dem
            Medientraum, wenn wir also den Fernsehsessel verlassen, diese
            Überprüfung, nur bedingt erlaubt.  Dem wer kann schon aus
            Recherchegründen zum Mond.

            Die Kritik am Neoliberalismus funktioniert wahrscheinlich wirklich
            nur vor dem Hintergrund, der die Nullpunktsituation anerkennt und
            die grundsätzliche Zerrüttung jedes ideologischen Denkens auf sich
            nimmt.  Antikapitalismus in seinen linken rechten,
            fundamentalistischen Ausformungen steht zurecht im Kontext der
            Totalitarismen dieses Jahrhunderts.  Von hier aus ergibt sich die
            Problematik der Auflehnung von selbst: Es mangelt ihr an tradierten
            Vehikeln.  So hat man die Wahl entweder zu schweigen bzw.
            apokalyptisch raunend stillzustehen (und so die Ungerechtigkeiten
            zuzulassen) oder konstruktiv am neuen Kapitalismus
            mitzuarbeiten im Sinne einer Milderung seiner Ungerechtigkeiten
            (aber auf diese Weise ihre Grundlagen zu zementieren).  Eine dritte,
            inzwischen wieder sehr beliebte Figur ist die des Zynikers.  Da er
            die Lage durchschaut, wechselt er - je nach dem, welche Blindheit
            auf welcher Seite er gerade geißelt - permanent die Seiten und
            pflegt ansonsten einen verzweifelt fröhlichen Narzißmus.

            Von hier aus, angesichts dieses Befunds - und zwar als Alternative
            zum grassierenden Zynismus (der nicht verwechselt werden darf mit
            dem herrschenden Zynismus des- Gesellschaftssystems - müßte man sich
            allmählich wieder an den Benjaminschen Gedanken einer 'Politisierung
            des Ästhetischen' heranwagen; und zwar im Sinne jenes ästhetischen
            Raums, der sich - wie es Camus in seiner Nobelpreisrede formulierte
            - "seiner Bestimmung gemäß heute nicht in den Dienst derer stellt,
            die Geschichte machen: er steht im Dienste derer, die sie erleiden."
            Der ästhetische Raum müßte sich also der spezifischen Not der
            Einzelnen zum Zeitpunkt dieses gegenwärtigen Nullpunkts öffnen.
            Dann könnte er auch wieder ein betretbarer Raum für diese Einzelnen
            sein, ein Raum, in dem erst das Recht und die Möglichkeit, es
            einzufordern, wieder aufscheint.
            Um die herrschende Ohnmacht fasse zu können, muß man zunächst auf
            einer ganz abstrakten Ebene zu sagen versuchen. worin diese Ohnmacht
            eigentlich besteht. Ohnmacht soll also hier heißen: Unfähigkeit zu
            handeln.
            Gibt es denn etwas, das uns davon abhält?  Dort, wo Handeln
            unmittelbar sichtbar verhindert wird, spricht man gemeinhin von
            Repression. Davon kann - trotz hoher Arbeitslosigkeit und
            beginnender Pauperisierung - unter den Lebensbedingungen unserer
            Gesellschaft so natürlich keine Rede sein.  Wir können mehr oder
            weniger tun und lassen was wir wollen, unsere Freiheit diesbezüglich
            ist uns von der Verfassung und im Rahmen des Rechts garantiert.
            Aber dieses "freie" Handeln bewirkt nichts.  Wir handeln,  aber es
            ist, als ob wir nicht handelten.  Unser Handeln verpufft in den
            komplexen Strukturen der gesellschaftlichen Systeme.  Dieses Handeln
            als Nicht-Handeln ist gemeint, wenn ich von Ohnmacht spreche, diese
            Sorte Handeln ist direkter Ausdruck unserer Ohnmacht und
            Unfähigkeit.  Handeln definiert Spinoza, ist, "wenn etwas in uns
            oder außer uns geschieht, wovon wir die vollentsprechende Ursache
            sind." Sind wir für eine äußere oder innere Wirkung, bloß
            "Teilursache". dann nennt Spinoza das Leiden.
            Bei der Vernetzung des Ichs mit den Massenmedien auf der Ebene von
            Individuation.  Sozialisation und Realitätsvermittlung kann man
            jedenfalls von vornherein nicht von einem Handeln im Sinne Spinozas
            sprechen.  Denn wir "erleiden" unsere Identität ebenso wie die
            Veränderungen der gesellschaftlichen Systeme, statt sie aus uns
            gestalten zu können.

            Dieser Sachverhalt aber wäre an sich noch gar nicht erwähnenswert.
            Auch andere, historische, nicht-massenmediale Sozialisationen waren
            und sind immer erlittene.  Und dementsprechend lang ist auch die
            Liste alter, vertrauter Modelle zur Emanzipation des Menschen zum
            aktiv Handelnden (man denke in diesem Zusammenhang stellvertretend
            etwa an Karl Marx und Sigmund Freud).  Alle überkommenen Modelle
            jedoch basierten grundsätzlich auf dem   Gegensatz zwischen einer
            internalisierten und einer "objektiven" Realität. Man operierte etwa
            mit den Kategorien "Sein" und "Bewußtsein", "Ich" und "Über-Ich",
            arbeitete deren Differenz heraus.  Je schwieriger jedoch diese
            Realitäten von einer medial vermittelten zu trennen sind - zumal vor
            dem Hintergrund, daß zusätzlich die Differenz zwischen
            internalisierender und realitätsstiftender Instanz zusehends
            einschmilzt - desto problematischer wird es für jedes
            Emanzipationsmodell.  In doppelter Hinsicht nämlich ist das Handeln
            einer Regression unterworfen: nach Maßgabe seines  inneren
            Enstehens. seiner affektiven Auslösung und nach Maßgabe des Raums,
            in den hinein wir zu agieren gezwungen sind.

            (16.10.)Letztlich dreht sich also alles immer weiter um die Frage
            nach dem Stein, den Sisyphos zu wälzen hat - um Camus in den Worten
            von Günter Grass (gestern on TV zum Siebzigsten) wieder einmal
            aufzunehmen.  Grass: "Es gibt keine Hoffnung. aber nehmt mir nicht
            den Stein, den ich wälzen kann." Wenn aber die Lage heute die ist.
            daß da ein ganzer Haufen simulierender Steine herumliegt und es
            allem voran darum geht, den richtigen, den "echten" Stein erst
            wieder herauszufinden?
            Demnach stellt sich in erster Linie gar nicht die Frage nach der
            Authentizität des individuellen Lebens, sondern nach der
            Authentizität des gesellschaftlichen Problems.

            Dezember 1997

            Ein Mann schreibt eine Art TV-Tagebuch als Versuch, sich wieder
            einem Gefühl für die Wirklichkeit anzunähern. Gefühl. das ihm
            abhanden gekommen ist.  Es wird zu einem Tagebuch seiner einsamen,
            verlorenen Nächte.  Denn er schildert niemals realistisch ab, was er
            im Fernsehen sieht, sondern sucht und liest in allem Gesehenen nur
            die Zeichen- die ihm die Welt verbergen wollen.  Er bemüht sich,
            diese Zeichen zuerst aus ihrer inhaltlichen Umklammerung zu lösen,
            um sie im nächsten Schritt mit anderen Zeichen zu verdichten und auf
            diese Weise so etwas wie einer verborgenen Erzählung der Gegenwart
            zu gelangen.  Er betrachtet die gesendete Welt als den kollektiven
            Dauertraum der Gesellschaft.  Letztes Ziel bleibt, sich selbst seine
            Abwesenheit aus dieser Welt zu erklären, den Grund zu finden dafür,
            daß er wie abgeschnitten lebt von ihr, obwohl sie ihm gleichzeitig
            nachrichtentechnisch vollkommen erschlossen vor den Füßen zu liegen
            scheint.  Doch er bringt es mit seinem Unternehmen nur bis zu einem
            stetig wachsenden Katalog unentschlüsselbarer Chiffren.

            Ganz konkret liegt die Welt vor seinen Füßen - vom Fernsehsessel aus
            gesehen.
            Eines Tages, der Mann "verläßt den Sessel' (so beschreibt er selbst
            sein Verhältnis von Berufs- und Privatleben), er geht 'draußen' wie
            immer seinen Verpflichtungen nach - da fängt seine Alltagsrealität
            an, nach und nach immer mehr  dieser tagebuchartig
            herausgearbeiteten, doch in nichts begriffenen "Traumlogik" zu
            gehorchen.  Seit einiger Zeit hat sich das in kleinen Dosen bereits
            angedeutet.  Jetzt setzt es sich durch.  Der Mann erkennt das.  Doch
            indem er diese jetzt auch im "Normalleben" Fuß fassende Logik zu
            durchbrechen versucht- erfaßt ihn endlich das Entsetzen des
            Alptraums.  Ein Entsetzen, das ihn nicht mehr verläßt.  Es ist diese
            Sorte Alptraum, in der man sich selbst dadurch zu beschwichtigen
            sucht, daß man sich dauernd sagt: das ist doch alles nur ein Traum,
            du mußt nur aufwachen. Aber man wacht nicht auf . Man träumt, etwas
            zu träumen, das sich als wirklich herausstellt.  Es ist nur ein
            Traum und instinktiv weiß der Mann das auch, deshalb hält er ja so
            hartnäckig an seinem Glauben fest.  Doch dieser Traum spielt sich
            mit aller Macht als Wirklichkeit auf. Er scheint beschlossen zu
            haben, niemals mehr enden zu wollen.  Der Ort, an dem er sich
            befindet, löst sich auf dieselbe Weise in eine Unzahl von
            Hieroglyphen auf, wie er es in den Nächten mit den Bildern des
            Fernsehens gemacht hat, um ihre heimliche Bedeutung zu
            destillieren.. Nach einiger Zeit gibt der Mann auf. Das heißt, er
            beschließt, den Traum als Wirklichkeit zu akzeptieren. So kommt er
            nach Hause zurück und "erwacht" erst im Fernsehsessel, mit dem
            TV-Tagebuch auf dem Schoß.

            Aber natürlich führt ihn auch dieser "Wachzustand" nur immer tiefer
            in dasselbe Entsetzen.  Ein und dasselbe Entsetzen über ein und
            dieselbe Irrationalität einer medial-realen Einheitstraumlogik.  So
            schaukeln sich beide .Alpträume gegenseitig hoch, werden zu einem
            einzigen, ohne jedoch je in eins zu fallen.  Der Traum erscheint nur
            wie eine Verdoppelung der Wirklichkeit. Oder umgekehrt.  Hört er an
            dem einem Ort auf fängt er an dem andere von vorne an.

            Und schließlich versteht der Mann, daß das eine einzige Entsetzen,
            der eine einzige Alptraum, der ihm in jede traumhafte Wirklichkeit,
             jeden wirklichkeitshaften Traum eingezogen sein scheint, gerade in
            seinem verzweifelten Versuch besteht, diese alles beherrschende,
            nicht zu deutende Traumlogik zu durchbrechen.  Daß er selbst durch
            seinen Tagebuch-Versuch eine dritte, nicht weniger irrationale Logik
            erschaffen hat, eine Logik, die durch und durch absurd ist, die ihm
            aber auch die einzige Möglichkeit zu sein scheint, mit der Welt, die
            er ja gesucht und nur in diesem Alptraum hat finden können in
            Verbindung zu treten, ihm gleichzeitig nachrichtentechnisch
            erschlossen vor den Füßen zu liegen
            als Alpträumender gegen seine Abwesenheit in ihr aufzubegehren,
            seine Anwesenheit in ihr im Entsetzen vor ihr sich selbst gegenüber
            zu begründen.
            Der Mann könnte zum Beispiel Lehrer sein.

            Intermezzo:

            TV-Tagebuch "REALITY.DOC"
            (Versuchsanordnung: der Fernseher läuft ohne Ton.  In einer Hand das
            Diktiergerät, in der anderen die Fernbedienung.  Ich zappe durch die
            Kanäle und spreche dazu aufs Band.  Ziel ist, eine Geschichte hinter
            den medialen Geschichten ausfindig zu machen.  Die in den Filmen
            auftauchenden Gesichter werden dazu in ein anonymes "Er " und "Sie"
            überfiihrt.  In weiteren, späteren Schritten, und nach einer
            längeren Versuchsreihe, soll diese Geschichte weiter destilliert
            werden, wenn das überhaupt möglich ist: Eine spezielle Art von
            Geschichtsschreibung ist angestrebt, sozusagen eine Hagiographie der
            Medienkirche.)

            Ein endloser Gang, helles Licht von hinten, der Mann kommt auf dich
            zu, es scheint, als ob er sich ruckartig vorwärts schiebt.  Verläßt
            den Raum durch eine Tür, ein Paar geht vorbei.  Sein linkisches
            TippeIn, sein zur Seite hängender Kopf, seine anhaltende
            Unsicherheit.  Da wird ihm etwas vor die Füße geworfen.  Er blickt
            auf, da steht jemand. Er hat sie erwartet.  Zu Hause, er unter der
            Dusche, nackt, sie im Bademantel, betroffen. Stummer Blick aus dem
            Fenster.

            Er streicht sich die Haare. die von Fett glänzenden Haare nach
            hinten umarmt sie dann.  Sie lehnt sich an seine Schulter, er weint.
            während zwischen seinen Füßen ein Kaninchen über den Boden zockelt,
            eine Karotte erschnuppert. / Die mit Eddington markierte Texttafel
            taucht auf.  "... about 2000 $". / "Achtung bissiger Hund - Bitte
            nicht füttern", jemand Iugt aus einer Hundehütte. / Endoskopie eines
            Dickdarms:  Der sehr feuchte, schillernde Raum mit den kleinen
            Kammern innen zwischen denen schleimige Partikel hin und
            herschwappen, von einer Kammer in die folgende, wie von einem
            Fischzuchtbassin ins nächste. / Gibt es denn einen Zusammenhang
            zwischen all dem, läßt sich davon wirklich eine Geschichte erzählen,
            / Pinguine watscheln: "Tiere im ewigen Eis". / Sie zieht die
            Handschuhe an, ihr Ausdruck ist hart, resolut.  Er schaut ihr
            ungläubig auf den Mund. Er sehnt sich nach ihr.  Sie ist so kalt.
            Er regt sich plötzlich auf,  er sagt./ Es ist egal was er sagt, sie
            ist hart.  Sie hantiert mit irgendwelchem Zeug, er entreißt es ihr,
            es ist etwas / Durch ein Fensterglas gesehen kommt sie auf dich zu,
            mit starrem Blick-. / Das Meer, auf Felsklötze hingebettet: sie. /
            Hinter Gittern das Gesicht eines Menschen im Schmerz.  Er zieht die
            Spritze auf, sie schreit in Schmerzenskrämpfen.  Sie wird
            gestreichelt und der Schmerz verebbt / Kerzen, Monster, eine
            aufgeklappte Truhe, ein Grabstein, ängstliche Augen. / Bevor die
            Mauer bricht, kann er gerade noch herauslaufen, da springt ihn einer
            von hinten an. / Frösche fallen vom Himmel, eine Unmenge von
            Fröschen, wie Laub. / Was ist das wieder für eine Story. / Sie
            schmiegt sich im roten Kleid auf das Sofa, sie kippt die geleeartige
            rote Substanz in den Becher, und er räumt daraufhin den Tisch ab.
            Tabula rasa, das Geschirr fällt zu Boden, alles/ Und du wieder hinab
            in den Glassarg, hörst sein gedämpftes Schreien.  In dein Zinksarg,
            von einem durchsichtigen Plastikvorhang umgeben erwacht er später,
            auf dem Rücken liegend.  Er sieht sie über ihn gebeugt, da entflammt
            sie das Feuerzeug.  Sie zündet die Zigarette an, läßt das Feuerzeug
            aber weiterbrennen.  Lange.  Jetzt hebt sie den Vorhang auf. In
            seinen Augen ist ANGST zu lesen, sein Rücken ist voll tiefer großer
            Wunden, sein Gesicht zweigeteilt von den links und rechts in die
            Nasenlöchern führenden Beatmungsschläuchen.  Der Kopf sein ganzer
            Körper: kahlrasiert Augen weit aufgerissen.  Schmerzverzerrt sein
            Gesicht jetzt, während sie, wer weiß wie, unsichtbar für dich,  ihn
            quält.  Ihre vom Kraftaufwand bebenden Wangen ./ Zum Glück rettet
            jemand das Kind aus dem Treppenhaus. / Wieder der alte, ins
            Unendliche sich vejüngende Gang. / Auf dem in eine Schreibmaschine
            eingespannten Papier steht: FUN FUN FUN FUN FUN./ Becel,
            cholesterinbewußt leben. / Doch endlich wird die Mauer durchbrochen.
            und er findet sie.  Sie ist gekettet. mit Handschellen. am Rücken.
            sie liegt reglos auf dem Feldbett.  Er leuchtet sie überall ab mit
            seiner Taschenlampe. prüft ihren Puls an der Halsschlagader. Dann
            rennen sie den unterirdischen Gang entlang, am Ende des Tunnels das
            Licht. Links  und rechts laufen dicke Rohre und Kabelstränge mit.
            Schließlich der Ausstieg.  Sie setzen die Helme auf, schlüpfen in
            die Schutzkleidung..


            Januar 1998

            Julian Green Leviathan: "Ein seltsames Leben begann [für sie],. ein
            Leben, daß weder an ihrem Zustand am Vortage noch an ihrem Traum
            Anteil hatte, sondern von beiden nur gewisse Elemente entnahm und
            miteinander verwob."
            (26. 1.) Gestern im Fernsehen: Ausschnitte aus Eisensteins
            "Panzerkreuzer Potemkin". dazu Erinnerung an die Lektüre von Döblin
            "Wang-Lun". auch Musils "Mann ohne Eigenschaften", Heinrich Manns
            "Kleine Stadt".  Ich dachte, der ästhetische Bruch zu Beginn des
            20.Jahrhunderts läßt sich im Prinzip an einer entscheidenden
            Nahtstelle festmachen, einem Schnittpunkt, von dem sich fast als
            Zentrum alle anderen neuen Ausdrucksweisen herleiten lassen: Die
            Darstellung der Masse und ihrer Bewegungsformen.  Die Dynamik der
            Massen war damals zum Kernprinzip der gesellschaftlichen
            Wirklichkeit geworden. der das Individuum sich ausgesetzt sah.  Und
            ich dachte auch sofort, daß das heute so nicht mehr stimmt, und also
            auch für die Ästhetik nicht mehr gültig ist.

            Natürlich gibt es immer noch die Dynamik der Massen. Doch sie
            scheint ihre allegorische Kraft,  als Thema ihre ästhetische
            Relevanz verloren zu haben.  Wollte man heute Massen zeigen, wären
            sie nämlich als solche nicht mehr zu erkennen.  Nicht weil sie sich
            grundsätzlich der Darstellung entziehen, sondern weil sie
            "unsichtbarer" geworden sind.  Eine geeignete Metapher für diese
            Tatsache ist etwa der Stau: ein Blechstrom (wie zum Beispiel in
            Godards "Weekend"; aber hier zeigt sich auch das ästhetische
            Problem: da das Kino ja trotzdem Menschen zeigen muß, hat sie Godard
            mit kleinen künstlichen Stories wieder aus ihren Autos
herausgeholt).

            Ich kenne in der Literatur nur eine Ausnahme, wo an diesem Thema
            festgehalten wird - und die zeigt auch gleich, was inzwischen aus
            der Masse geworden ist.  In Don De Lillos "Mao II" taucht sie
            nämlich bloß noch in zwei Formen auf: als Inszenierung
            (Mun-Massenhochzeit) und als Femsehübertragung
            (Khomeini-Beerdigung).  Und die Bedeutung dieser Formen dominiert
            die Bedeutung der Masse selbst.
            (Hierher paßt der Bericht meines Schwagers über die Demonstration
            gegen die Massenentlassungen bei Boehringer Mannheim in Basel, an
            der er teilgenommen hatte: Die Polizei leitete sie in die
            Nebenstraßen um. Maximal fünfhundert Basler sahen den Zug,
            entscheidend war der Bericht in der Tagesschau.)
            Kurz - was für die Ästhetik der Moderne die Massen gewesen sind, muß
            für eine Ästhetik der Gegenwart das Fernsehen sein. Hier findet man
            das Kernprinzip der Dynamik, hier die Wirklichkeit in auf
            Bildschirmgröße geschrumpfter Gestalt, der sich die Einzelnen
            ausgesetzt sehen.

            Ich sah Elfriede Jelinek, das heißt, ich sah die Produktion
            "Jelinek" im Fernsehen. Massemediale Existenz: eine Dialektik von
            Bedeutungsproduktion und Bedeutungsvernichtung.  Und der faule
            Trick, mit dem man sich fangen läßt.  Einerseits das fast
            transzendentale Eingehen auf eine religionsartige Intersubjektivität
            ("so wichtig bin ich, daß alle was von mir wollen, daß meine Stimme
            überall gehört, mein Bild sichtbar wird für alle").  Andererseits
            die Reduktion auf eine reine Materialebene, auf ein austauschbares
            Objekt:" eine Demütigung, eine Verwässerung dessen, was man sich
            abgerungen zu haben glaubt, zu einem Standbild, einer Handvoll
            Gemeinplätze. bis hin zur völligen substantiellen Leere.  Es zu
            wissen, hilft dar nichts. Man hat eine gewisse Palette von
            Reaktionsmustem zur Verfügung, und jedes - also auch jedes gegen die
            Reaktionsmuster entwickelte - Verhalten zeitigt nichts als das eine
            oder andere bereits etablierte Schema.  Selbst die Totalverweigerung
            diesen Mechanismen gegenüber ist längst nichts als ein weiteres
            triviales Standbild.
            Das Verhältnis zwischen Schriftsteller und neuer Öffentlichkeit
            entspricht ganz demjenigen Don Quijotes zu seiner "Umwelt".  Er ist
            draußen, er rennt vergeblich gegen das Rotieren der Maschinen an und
            den Anblick dieses lächerlichen Schauspiels nennt man dann
            kultureller Mehrwert. Eine künstliche Tragikomödie, die sich diese
            Gesellschaft gern leistet. Die Monotonie der Darbietung wird immer
            wieder kurzzeitig belebt durch technische Verfeinerungen an den
            Maschinen und durch immer neue traurige Ritter, die weitermachen,
            wenn die alten verschlissen sind, und die außerdem besser geeignet
            sind, die jeweils neuesten Technologien zu testen ...
            - Aber das sind alles nur Aporien einer alten romantischen Figur, zu
            denen auch jedes naive "Trotzdem" gerechnet werden muß.  So
            zwingend, so unabdingbar absurd sie erscheinen, so sehr sind sie
            dennoch selbst Teil jener Zusammenhänge, an denen sie unentwegt
            scheitern.  Die einzige mir bekannte Figur, die sich weder
            zurückzieht, noch ihren grotesken Kampf bis zum unausweichlich
            selbstvernichtendem Ende fortsetzt, ist der Deleuzesche Schizo: Man
            wäre niemals anzutreffen. wo man vermutet und festgeschrieben wird,
            weil man schon längst wieder in eine andere Haut geschlüpft wäre.
            Eine Art Narr, ohne der Narr zu sein.  Proteus mit einem
            unverwandelbaren, der Codierung entzogenen Kern.  Wie das praktisch
            geben soll, ohne in den Chor der Zyniker einzustimmen, ist mir
            allerdings schleierhaft.  Und: Deleuze ist aus dem Fenster
            gesprungen.

            Februar 99

            Der Medienmensch. also der für die Medien produzierende: Er geht auf
            einen mit einer herzlichen Offenheit zu. Er ist einer, der seinen
            Job macht, der einem weder freundschaftlich noch feindlich
            gegenübersteht, der einem vielmehr zu verstehen gibt, daß er ein
            menschlicher Mensch ist und man selbst zwar das beruflich zu
            bearbeitende, aber ganz von einer sozusagen menschlichen Seite her
            betrachtete Material ist.  Und da der Medienmensch ein Mensch ist,
            der sich nicht anders gibt - und sich auch nicht anders empfindet -
            als sagen wir eine Kassiererin in einem Supermarkt, geht man als
            Mensch menschlich auf ihn zu, das heißt man zeigt sich mit seinen
            Schwächen.  Und damit geht das Berufsziel des Medienmenschen auf,
            indem er jetzt das abbilden kann, was ihn beruflich eigentlich in
            erster Linie interessiert und was sein Gewerbe erhält.  Aber wie
            gesagt, darin liegt keine willentliche Niedertracht o.dgl.. Vielmehr
            ist es die oben genannte, tief verwurzelte Gespaltenheit, die
            unmittelbar in der Funktion Medienmensch verankert ist und zum
            Ausdruck kommt. und die im Medienmenschen selbst vielleicht als
            gelegentliches Unbehagen aufscheinen kann.  Dieses Unbehagen
            allerdings macht den Medienmenschen nur desto menschlicher, und
            damit desto gespaltener, und damit desto perfekter in seinem Beruf.

            Für dessen Objekt, das in ein mediales Produkt zu transformierende
            Ich, scheint es zunächst nur zwei mögliche und auch vorgesehene
            Reaktionen zu geben.  Es reagiert entweder mit umso größerer
            Menschlichkeit oder mit umso künstlicherer Darbietung. Beides
            erfüllt das Ziel des Medienmenschen gleichermaßen, denn beides dient
            ja nur der Erzeugung eines Bildes. Oder anders gesagt: Beides
            entspricht jener vom Medienmenschen gesuchten und in die Apparate
            einzuspeisenden Schwäche, die den Apparat am Laufen hält.  Eine
            politische Reaktion auf den Medienmenschen müßte also beides
            unterlaufen können: "Authentizität" und Maske. Wie aber läßt sich
            die Funktion sichtbar machen, während sie funktioniert?


            (9.2-) Gestern große Brecht-Vernichtung on TV: Brecht-Gala!  Mit
            Roger Willemsen!  Enzensberger!  Grünbein!  Brecht als Fernsehshow.
            Brecht als Telestar-Verleihungsdreck.  Brecht als "Geld oder Liebe".
             Das rattert und stockt linkisch durch's Galadrehbuch als versuchte
            man mit Papprequisiten eine richtige Hollywoodproduktion zu machen.
            Aber anstatt eines Effekts der Verfremdung - was ja mehr als
            naheliegen würde - ergibt das hier hohlen Kitsch.  Die ästhetische
            Entsprechung zu den Solidaritätsbekundungen von Politikern mit
            demonstrierenden Studenten, Arbeitslosen und allen von eben dieser
            Politik Verratenen.  Dazu lese ich heute bei Walter Benjamin in
            seinem Kommentar zu den Brecht-"Studien": "Die vorbehaltlose
            Huldigung, die einem barbarischen Begriff von Kultur entspricht. ist
            [bei BB) einer Huldigung voller Vorbehalte gewichen." Mehr  gibt es
            über die Differenz Brecht und Brecht-Gebturtstag, über das Ausmaß
            der herrschenden "Ästhetisierung des Politischen" nicht zu sagen.

            Mai 98

            (11.5.) TV-Diskussion über Schmuddel-Talk-Shows am Nachmittag.  Wie
            die ganze Zeit über immer wieder betont wurde, es ginge hier um
            Geschmacksfragen.
            Das Unbehagen der Gesellschaft gegenüber dem, was die Massenmedien
            mit und aus ihr macht, wird von den entsprechenden Verantwortlichen
            in denselben Massenmedien unentwegt depolitisiert.  Keine Idee
            davon, was Ästhetik mit Politik zu tun haben könnte.  Keine Idee,
            wie so Wirklichkeiten zugerichtet werden.  Der Zynismus, beim
            Privat-TV von einer "Demokratisierung der Medienlandschaft" zu
            sprechen.  Das alte, dumme "Argument", man habe die Freiheit
            abzuschalten.  Der Appell an die Verantwortung der Eltern. Aber
            gerade die wissen doch am genauesten,
            daß Realität, jene mediale Realität als Realität der Kinder, eben
            nicht abzuschalten ist.  Den Moderatoren fehlt das Bewußtsein der
            faktischen Macht des Mediums, das sie bedienen, das Bewußtsein, daß
            sie Wirklichkeit nicht kommentieren, sondern konturieren.  Die Leute
            in den PR-Abteiltungen von Wirtschaft und Politik haben dieses
            Bewußtsein sehr wohl.
            Ich glaube, in so einer Talk-Runde würde ich ziemlich schnell
            dastehen wie ein Radikaler oder Fundamentalist.  Sie würden mich
            festnageln, weil ich schon den allerersten Schritt nicht mitmachen
            würde, derartige Probleme als eine Geschmacksfrage abzutun.  Dabei
            würde ich mich dann in scheinbar unlösbare Widersprüche verstricken.
             In Wirklichkeit würde man mich nur mit fadenscheinigen Begriffen
            wie mit Waffen attackieren.  Wie sollte man auch in einer
            Live-Diskussion die Deinagogie von jemandem wie diesem TV-Fuzzi
            bloßstellen können?  Schon allein er wie das Wort Demokratie
benutzt,

            müßte zu einer Grundsatz-Debatte führen: nicht nur über die
            Demokratie als solche, sondern auch über die Frage, was einen
            demokratischen von einem demagogischen Sprachgebrauch in
            TV-Diskussionen unterscheidet.  Also müßte bei solchen Anlässen in
            Wahrheit eigentlich philosophiert werden.  Aber wie unendlich weit
            weg ist das TV-Prinzip der Kommunikation von allem, was Denken und
            Kritik als Sprache einmal tatsächlich schon bedeutet haben, wenn
            auch nur in einem gesellschaftlichen Randbereich.  Aber immerhin
            konnte das volle und ungeschützte Einlassen des kritischen
            Intellekts auf die ganze Gesellschaft einmal diesen Randbereich
            erzeugen, der einen beim Überrleben half, indem er dieser kleine
            Teil von Gesellschaft tatsächlich gewesen ist.  Man war zumindest
            ein klein wenig aufgehoben in ihr.  Und man konnte sich insofern
            auch einbilden, Einfluß auf das Ganze zu haben.  Dieser Randbereich
            ist jedenfalls def'initiv weggebrochen - Sprachentwertung, natürlich
            ein "Neben-Effekt" der medialen Autopoesis.  Wie werden wir vor
            diesem Hintergrund weitermachen können?


            Wie funktioniert diese "Konzentration der Macht ohne
            Zentralisierung" (Richard Sennett), wie wir sie allenthalben
            erleben? Die immer wieder die Leute zu dem achselzuckenden Ausruf
            verleitet: Wo ist der Feind?  Das ist wirklich eine eminent wichtige
            Frage.  Das sei, sagt jetzt Sennett in seinem neuen Buch Der
            flexible Mensch, doch nur ein "Trick" der Ökonomie in diesen Zeiten
            des Neolliberalismus, die Dezentralisierung nur eine Behauptung, ein
            Täuschungsmanöver. In Wirklichkeit existiert das "Festland der
            Macht" unantastbar weiter.

            Einen funktionalen Hebel. um die Individuen von den
            gesellschaftlichen Prozessen auszuschließen, den ich bisher
            übersehen habe, beschreibt Sennett ebenfalls.  Er wirft ein noch
            schärferes Licht auf den Luhmannschen Gedanken der Exklusion durch
            Inklusion.  Die Einfachheit der Bedienungsoberflächen in den neuen
            Technologien, sagt Sennett nämlich, halte die Letito von der "Tiefe
            der Arbeit" fern, die statt dessen von der Software erledigt werde.
            Es mangle dem Arbeiter deshalb an genau denjenigen Problemen und
            Widerständen, die das Programm für ihn besorge. Also könne er auch
            keine Erfahrungen machen, lernen, besser werden, also fehle ihm
            'jede Stimulation, also gebe es in einer computergesteuerten
            .Arbeitswelt auch nicht mehr die Möglichkeit, sich eine eigene
            Geschichte und Identität anzueignen.  Ein Bäcker sei nicht länger
            Bäcker, sondern einer, der auf den Knopf einer Maschine drücke, aus
            der genausogut Schuhe, Reifen oder Semmeln hinten rauskommen
könnten.
            Vergleichbares läßt sich auch über das Verhältnis von Individuum und
            Massenmedien sagen Dem insofern die Medie so etwas wie die
            Benutzeroberfläche von Realität   sind, schließen sie die Menschen
            von deren Tiefen aus und in Folge von der ganzen Kette einer
            Vertiefung ihrer gesellschaftlichen Individuation, wie es Sennett
            für den postfordianistischen Arbeitsplatz beschrieben hat. Daß dies
            im Kontext einer genuin marktorientierten Systemsteuerung dieser
            Medien geschieht liegt auf der Hand.  Der großen Frage, die sich aus
            diesem Sachverhalt ergibt, stellt sich auch Sennett in seinem Buch.
            Nämlich so: "Es gibt eine Oberfläche, die alle auf einer Ebene
            zeigt, aber diese Oberfläche zu durchbrechen mag einen Code
            erfordern, der den Menschen nicht zur Verfügung steht." (Wobei hier
            mit "Menschen" jedenfalls nicht die Wenigen gemeint sind, in deren
            Händen weiterhin die Macht also das Kapital liegt.  Denn was das für
            welche sind, erzählt Sennett auch: Sie fahren Ski beim
            Weltwirtschaftsgipfel in Davos, das Handy in der Tasche; sie lösen
            sich unermüdlich aus ihren Vergangenheiten; sie splittern sich auf,
            fragmentieren sich selbst zur totalen Globalisierungsmaschine.)
            Demnach heißt die große Frage: Wie könnte dieser Code lauten, der
            den Menschen fehlt, um wieder in die Tiefen ihrer Realität
            vordringen zu können?  Daß der etwas mit Widerstand. mit einer
            Rückeroberung von Wirklichkeit   zu tun haben muß, welche sich
            wieder aus Erfahrungen zusammensetzen würde, schwingt bei Senett
            mit. - Wie banal im Prinzip ist dieses Problem, wie aller
            Voraussicht nach trotzdem ohnmächtig stehen wir ihm gegenüber, wie
            allenfalls auf einer Stufe des Fermenthaften Präkatalysatorischen
            ist das im Moment zu verorten und sich vorzustellen - zum Beispiel
            in diesem Sennettschen Buch, zum Beispiel in Form von
            nicht-religiösen "Opfern", virtuellen .Autodafes", die hier und da
            in Zukunft noch gebracht werden dürften.
            Die Darstellung, das Bild von Jugendlichkeit in den Medien, zum
            Beispiel im SZ-Magazin Jetzt.  Als ginge es vor allem darum, laufend
            die Unbegreiflichkeit, Fremdheit, eine Art Alienhaftigkeit der
            Jugend zu behaupten.  Der Haupteindruck läuft dann darauf hinaus,
            daß man es hier entweder mit einem Sehnsuchtsbereich oder im
            Gegenteil mit einem lebensbedrohlichen Phänomen zu tun hat.
            Andocken müssen oder restlos ausgeschlossen sein.  Dem widerspricht
            meine Erfahrung mit Jugendlichen völlig.  Sie "sagen" mir eigentlich
            alle die ganze Zeit nur, daß sie normal sind, daß ihre Probleme die
            üblichen und ziemlich leicht zu verstehenden Jugendprobleme sind.
            Sie sind - im Gegensatz zu dem, was ihr mediales Bild suggeriert -
            gar nicht so in sich abgeschlossen, sondern auf durchaus gewöhnliche
            Weise neugierig und willens, ihre medialen Fixierungen zu
            durchstoßen.  Und sie scheitern daran genau wie alle andern.


            Juni 1998

            (Pfingstferien) Ich höre groteskerweise auf dem kleinen
            Cassettenrecorder meines Sohns, am Gardasee, vor einem Wohnwagen auf
            einem Campingplatz mit Animation zwischen Bungalows, Hauszelten und
            anderen Wohnwagen, die Goldberg-Variationen.  Und ich denke nicht
            weniger grotesk: Vielleicht geht es einfach tatsächlich nur darum,
            inmitten dieser befremdlichen Wirklichkeit Schönheit zu finden.
            Oder dort, wo sie nicht vorhanden ist, aus ihrem Material neu zu
            erschaffen. Joachim Helfers Bemerkung nach meiner Lesung in Hamburg,
            man müsse positive Geschichten für dieses Leben erfinden, den neuen
            utopischen Roman schreiben, fällt mir wieder ein.  Die Aufgabe ist
            wahrscheinlich viel bescheidener (oder auch ungeheurer), nämlich
            diesem Leben Schönheit zurückzuerstatten.

            Wie eine Szene aus einem amerikanischen Film über das heutige
            Deutschland (den es nicht gibt) dieses reale Bild: Eine Imbißbude
            auf dem Parkplatz des Hagebaumarktes, mit einer Art Vorzeit aber auf
            längere Dauer hin gebaut.  Darin eine Bierbank mit Kaffee und
            Kuchen.  Maria, nach der die Bude nämlich benannt ist, und ein
            älterer, etwas mürrischer, deutlich mundfauler Mann sitzen dort. Auf
            der anderen Seite, vom Eingang aus gesehen, das Kind, der Junge. Er
            macht seine Hausaufgaben, ein Glas Multivitaminsaft neben sich.
            Maria steht auf, sie duzt mich, ich fühle mich sofort als
            Truckdriver oder Handwerker. Sie geht um die Bank herum, an mir
            vorbei, hinter den Tresen, der eigentlich der geöffnete Verschlag
            eines zur Wurstküche umfunktionierten Wohnwagens ist.  Ich stehe
            mitten in einem Wohnzimmer mit Küchendurchreiche.  Man könnte es für
            das Sujet aus einem frühen Böll-Roman nehmen, wäre es nicht
            gleichzeitig so bayrisch-amerikanisch, so Mall-mäßig.  Geschichten,
            mögliche Geschichten fallen mir sofort dazu ein, überhaupt sind
            Imbißbuden in den letzten Jahren ja überall aus den Boden
            geschossen.  Eine der zeitcharakteristischen Formen, sich mit
            hochgekrempelten Hemdsärmeln über Wasser zu halten. Und ich mag die
            Atmosphäre dort.  Sie hat Wahrheit (auch wenn ich - während ich es
            hinschreibe - genau weiß, wie sehr solche Atmosphären dazu geeignet
            sind, sich selbst zu belügen). wenn man diese Klammer mit
            hineinnimmt in diese Wahrheit. Imbißbuden,  dachte ich sogar.,
            hätten geradezu das Potential,  Kultstatus zu gewinnen.  Es würde
            dazu nur eines cleveren Produzenten und eines guten Drehbuchs
            bedürfen. man könnte einen deutschen Smoke daraus machen.
            Kultur und Demokratie - es wäre nicht unangebracht, einmal einen
            Aufsatz zu schreibe, der endlich diese völlig hirnrissige Koppelung
            und Vermischung von Demokratie und massenmedialer Gleichmacherei
            aushebelt.  Müßte doch eigentlich ein Leichtes sein, ist doch gar
            nicht schwer zu begreifen! (Ist aber enorm schwierig, weil eben
            Begriffe wie Demokratie - und welche anderen Begriffe sich
            automatisch noch da außen herum, so abgegriffen  und mißbraucht
            sind. Zum Beispiel dieser Raddatz-Artikel in der ZEIT zur "bitteren
            Verteidigung der Demokratie", wo ganz und gar grotesker-, aber auch
            typischerweise der Mallorca-Mensch, also der berüchtigte deutsche
            Ballermann-Urlauber, als die Quintessenz demokratischer
            Hervorbringungen dargestellt wird. Dabei hat dieses "Phänomen" gar
            nichts mit Demokratie zu tun, sondern mit dem gesellschaftlichen
            Primat der Wirtschaft.

            "Kulturindustrie", hätte sogar Raddatz schon in der Dialektik der
            Aufkläning nachlesen können, ist prinzipiell anti-demokratisch, weil
            rein ökonomisch orientiert.  Sie funktioniert, muß heute hinzugefügt
            werden, ich-technologisch.  Undsoweiter, undsoweiter - im Prinzip
            ist es die alte Leier, und es langweilt mich zusehends, das wieder
            und wiederzukauen.  Aber andererseits stößt man auch dauernd und
            überall auf diese falschesten und gefährlichsten Gemeinplätze.  Als
            hätte massenmedialisierte Ökonomie auch nur das geringste mit
            Demokratie zu tun.


            (29.6.) Nachdem ich mir die künstlich auf dem Schneidetisch von 3sat
            hergestellte "Diskussion" zwischen dem TV-Mann Wilfried Schoeller
            und mir zum Thema Literatur und Fernsehen angeschaut habe: Es gibt
            neben der Bourdieuschen These von der grundsätzlichen
            Inkompatibilität von Bild und Denken noch einen weiteren wichtigen,
            hier sichtbar gewordenen Aspekt zur Beschreibung des Mediums. Er
            betrifft die Struktur von Kommunikation. Die von den Beteiligten
            nicht kontrollierbare Auflösung und Aneinanderreihung von
            Interviewfetzen einerseits, die Abbildung von Gesprächen mittels
            einer moderierten Talkshow-Situation andererseits, widersprechen
            vollkommen jedem dialektischen Prozeß, der in einem wirklichen
            Gespräch stattfinden könnte.  Will man - wie hier - zum Beispiel
            Gegenpositionen darstellen, funktioniert das schon rein
            arbeitstechnisch nur, indem Thesen schnittechnisch fixiert,
            vereinfacht, verfälscht werden Kommunikation kann deshalb nie über
            diese beschränkte Form einer gesprächsfernen Darstellung
            hinauskommen. Würde man trotzdem versuchen, aus den Thesen und
            Antithesen Dialektik zu erzeugen, müßte man die aufwendigsten
            Maßnahhmen ergreifen: Person A würde eine These formulieren.  Der
            Fernsehmann würde jetzt eine Person B  ausfindig machen. die eine
            Antithese formuliert. Daraufhin müßte der Fernsehmann zur Person A
            zurückkehren. um sie mit der Antithese zu konfrontieren und um ihr
            Gelegenheit zu geben, sie zu beantworten.  Dann zurück zur Person B,
            womöglich auch zu einer Person C. Undsoweiter.  Ein Prozeß viel zu
            vieler und zu teurer Arbeitsschritte.  Also macht man einfach zwei
            Interviews und schneidet sie so ineinander, daß eine Diskussion
            wenigstens simuliert wird - wie bei Schoeller und mir.  Bildet man
            dagegen ein tatsächlich stattfindendes Gespräch einfach ab, wird -
            aus TV-immanenten, nicht zuletzt aus Unterhaltungsgründen - ein
            Moderator notwendig - der Dialektikverhinderer par excellence. Eine
            solche Talkshow nämlich kann immer nur daran interessiert sein, ihr
            Spiel mit Positionen zu betreiben, ohne sie in Richtung einer
            dialektischen Synthese zu fuhren.  Der Moderator spielt die Bälle
            zu.  Er muß ständig versuchen, These und Antithese deutlich. also
            möglichst unversöhnlich hervorzukehren.  Eine gute Talkshow ist
            nicht eine Diskussion, die zu einem Ergebnis kommt, sondern ein
            möglichst drastisches Aufeinanderprallen von Gegensätzen. Man wählt
            Personen als Positionen aus. Sie sollen am Ende aus dem Studio
            hinausgehen, wie sie hineingegangen sind.  Der Moderator spielt
            dabei die Rolle des Puffers, nicht des Vermittlers.  In dieser
            Funktion muß er geradezu dafür sorgen, daß Kommunikation nicht
            stattfindet.  Nicht die Austragung von Konflikten, der Konflikt als
            solcher hat Unterhaltungswert.  Wenn man - weiter denkend - außerdem
            davon ausgehen muß, daß das Fernsehen der zentrale Ort ist, an dem
            heute das Bewußtsein von Wirklichkeit erzeugt wird, dann kann in so
            einem Bewußtsein Dialektik als diskursive Kommunikation
            konsequenterweise nicht mehr vorkommen.


            (30.6.) Berlin-Verlag an Bertelsmann verkauft.